Der Monitor-Beitrag
vom 26. Oktober ´95

Anmoderation Klaus Bednarz: (...) Es geht um den Sport und darum, wie dieser im Dritten Reich mit Hilfe des berühmtesten deutschen Sportfunktionärs, Carl Diem, in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie gestellt wurde.

Wenn in der kommenden Woche die weltweit renommierte Deutsche Sporthochschule zu Köln ihren 75. Geburtstag feiert, dann beruft sie sich vor allem auf die Tradition ihres Gründungsrektors, auf eben diesen Professor Carl Diem. Carl Diem, der in der Nazi-Zeit als NS-Reichssport-Gauleiter im Ausland tätig war. Eine Spurensuche von Mathias Werth und Bernd Wengen.

0-Ton Wochenschau, Juli 1947: In Köln wurde in einem Festakt der Universität die Sporthochschule gegründet. Das Studium dauert drei Jahre. Die Studenten lernen in Theorie und Praxis alles, was für einen künftigen und zünftigen Sportlehrer von Bedeutung ist. Turnübungen in der Halle. Sepp Herberger, der deutsche Fußballnationaltrainer beim Unterricht. Leiter und Rektor dieser Schule ist Professor Dr. Carl Diem, der weltbekannte deutsche Forscher und Praktiker der Leibesübungen.

Reporter: So respektvoll wie vor 50 Jahren gedenkt die Deutsche Sporthochschule bis heute ihres Gründungsrektors Carl Diem. Er gilt ihr als "bedeutendster Sportführer des Jahrhunderts", als Vorbild also. Was kennzeichnet diesen mit soviel Ehrfurcht bedachten Mann?

0-Ton Prof. Dietrich R. Quanz, Deutsche Sporthochschule: Ich denke, daß er sehr weltoffen war auf der einen Seite, und auf der anderen Seite sportbesessen. Und alles, was in irgendeiner Weise mit Sport zusammenhing, hat er aufgegriffen.

Reporter: Nur aus dieser sportlichen Leidenschaft, so heißt es, habe Diem die Organisation der Olympischen Spiele 1936 übernommen. Doch das ist nicht einmal die halbe Wahrheit: Neuere Dokumente belegen: Für Diem galt Olympia '36 auch als ideologisches Instrument. Er stellte die Spiele uneingeschränkt in den Dienst der Nationalsozialisten und ermöglichte ihnen so diese ungeheure Propagandashow. Diem schrieb über den olympischen Geist:

Sprecher (Zitat Diem): "Wenn Sport und Olympische Spiele uns etwas zu Nutzen gewesen sind, dann haben sie uns diesen Geist des Angriffs und der blitzschnellen Entschlußkraft gelehrt, haben uns zäh und hart gemacht".

Reporter: Das Stadion als Vorhof zum Schlachtfeld. Schon vor den Spielen hatte sich Diem dem NS-Regime in führender Position verpflichtet.

0-Ton Prof. Hans Joachim Teichler, Sporthistoriker: Man kann ihn als Außenpolitiker, als Außenminister des deutschen Sports bezeichnen. Es war daher nur folgerichtig, daß er im Jahre 1939 auch mit der kommissarischen Führung des Gau Ausland im nationalsozialistischen Bund für Leibesübungen betraut worden ist. Er spielte also im Sport der NS-Zeit eine große Rolle.

Reporter: NS-Propaganda:

O-Ton NS-Propagandafilm: Früh übt sich, was ein Meister werden will.

Reporter: Nicht nur Olympia, auch die "Leibesübungen" der Jugend dienten dem militärischen Kampf; Sport war zentrale Stütze der NS-Ideologie. Galt diese Uberzeugung auch für Carl Diem?

O-Ton Prof. Dietrich R. Quanz: Ich denke, daß gerade seine Hochschule, die 1920 gegründet wurde, gegen das militärhafte, klassische, stilisierte Turnen angegangen ist, wo man nach Befehl Sport oder Turnen betrieb.

Reporter: Bei Carl Diem liest sich das ganz anders.

Sprecher (Zitat Diem): "Sport ... ist für uns eine Schule der Vaterlandsverteidigung, die wir auf uns nehmen, bis uns der Ruf zu den Waffen erreicht: Der gute Kämpfer greift an und bricht jeden Widerstand."

Reporter: Carl Diem habe sich den Nazis angedient, arbeitete freiwillig unmittelbar beim NS-Reichssportführer. Belegt ist: Diem wußte von den Greueltaten unter Hitler. Doch er opponierte nicht, schrieb statt dessen heroische Texte wie in der Olympischen Flamme, wo er die militärischen Überfälle Deutschlands glorifizierte. Zum Beispiel den Überfall auf Frankreich:

Sprecher (Zitat Diem): "...wie haben wir mit ... steigender Bewunderung diesen Sturmlauf, diesen Siegeslauf verfolgt! Die fröhliche Begeisterung, die wir ... bei einem kühnen kämpferischen sportlichen Wettstreit empfanden, ist in die Höhenlage des kriegerischen Ernstes hinaufgestiegen... (Wir) stehen ... staunend vor den Taten des Heeres. In ihnen zeigt sich, was der Deutsche kann, in ihnen wächst der Deutsche von heute über alles Frühere ... hinaus."

Reporter: Im so besetzten Frankreich wollte Diem nun politisch durchgreifen, plante offenbar Säuberungen im Sport und ordnete an:

Sprecher (Zitat Diem): "Wir bereiten die Neuordnung des internationalen Sports vor und werden ... dafür sorgen, daß die bisherige ... Vorherrschaft Frankreichs in der internationalen Sportverwaltung ... zurückgeführt wird ... für diese Maßnahme benötigen wir eine Auskunft über zwei französische Sportführer.... (Beide) sollen ... Juden sein... Heil Hitler! (Gezeichnet:) Diem".

Reporter: Für die Sportjugend formulierte Diem auch Konsequenzen aus der NS-Rassenlehre im sportlichen Wettstreit:

Sprecher (Zitat Diem): "Nur Schwächlinge fürchten sich vor einer Begegnung mit anderen Rassen; was die weiße Rasse an Naturkräften eingebüßt haben sollte, das wird sie dank ihrer hohen Intelligenz auf dem Wege planmäßiger Übung und Rückzüchtung wiedergewinnen."

Reporter: Bis in die letzten Kriegstage trieb Diem Kinder vom sogenannten HJ-Volkssturm auf dem Berliner Olympiagelände in den Krieg. Im März ´45 rief Diem den Kindervolkssturm hier zu einer angeblichen Feierstunde. Ein Zeitzeuge über Carl Diem:

O-Ton Reinhard Appel, ehem. ZDF-Chefredakteur: Er hat zu uns gesprochen, es war ja eine Feierstunde. Und das Ganze endete in einem flammenden Appell an uns, für Führer, Volk und Vaterland zu sterben, gerade in der Situation, wo Berlin bedroht sei. Er berief sich immer wieder auf das "tapfere Volk von Sparta" und forderte uns auf, wie dieses Volk den Opfertod nicht zu scheuen und wie Helden zu sterben, denn es ist schön, für das Vaterland zu sterben. Obwohl er ja wissen mußte, als 62jähriger Mann, der in der Welt rumgekommen war, wie es um Deutschland in der Zeit bestellt war. Und obwohl er sicher tieferen Einblick über die Hitlersche Politik hatte, als wir jungen Menschen. Ich bin hier mit 17 Jahren gewesen.

Reporter: Opfertod für Reich und Führer: Zweitausend Tote und Verwundete allein beim aussichtslosen Kampf um das Olympiagelände, das Reichssportfeld Carl Diems. In den letzten Kriegstagen starben hier hauptsächlich Kinder vom Volkssturm.

0-Ton Reinhard Appel: Damals haben wir uns durch diesen Idealismus, den er predigte, anstecken lassen. Und insofern ist er, meine ich, mitschuldig, daß sinnlos hier Menschenleben, junge Menschen geopfert wurden, in einer Situation, die ja bereits ausweglos war.

Reporter: Carl Diem - nie kam vom hochdekorierten und verehrten Sportführer später auch nur ein Wort des Bedauerns.

Abmoderation Klaus Bednarz: Lassen sich wirklich für den heutigen Sport keine anderen Vorbilder finden?


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