aus: DER SPIEGEL Nr. 12/2004 vom 15. März 2004 Ein gezielter Tabubruch
in humaner Absicht

Von Dr. Edmund Haferbeck

"Den Tieren gegenüber sind alle Menschen Nazis; für sie ist jeden Tag Treblinka." Wenn Isaac B. Springer eine solche Wertung, die aus der Sicht der Tierrechtsbewegung eine Tatsachenbehauptung darstellt, publiziert, muß bereits vor Jahrzehnten viel geschehen sein, um einen solch abgeklärten Mann jüdischen Glaubens und Literatur-Nobelpreisträger zu einem solchen Vergleich zu bringen. Doch es ist so: Trotz ständiger Absichtserklärungen von Gesetzgeber und Politikern ist die Situation der Tiere, Mitgeschöpfe der menschlichen Gesellschaft, immer grausamer geworden. Dies nicht nur qualitativ, sondern vor allem quantitativ. Ein krankes System des homo sapiens, der sich viel auf seine Würde einbildet und auf seine körperliche Unversehrtheit pocht, während er hemmungslos den extrem krankmachenden Fleischkonsum proklamiert und legalisiert. Das Gesundheitssystem steht am Rand des Kollapses, aber die bekannte Hauptursache dieser Fehlernährung wird nicht angegangen.

"Man ißt nichts, was Augen hat" bringt den Tierrechtsgedanken auf den Punkt: Schon um ihrer selbst Willen ist die Ausbeutung und brutale Vernichtung von Tieren und Tiergattungen (im Zuge der landwirtschaftlichen Industrialisierung sind ganze Rassen fast ausgestorben) nicht mehr nur ein moralisches Verbrechen. Die Täter sind Tiermörder, gerichtlich als zulässige Wertung bestätigt. Auch wenn einzelne Erfolge von Überführungen von Tierquälern und -mördern gelungen sind und immer wieder gelingen, garantiert dieses System die Wiederholungstäterschaft, da die Tierausbeutung auch durch überführte Täter selbst (siehe das Beispiel des "Hühnerbarons" Pohlmann) weitergeführt wird.

Unterschriftenlisten, Petitionen, Demos, Enthüllungen, Undercover-Einsätze - alles dies führt im Endeffekt nicht zum gerechten Erfolg für die Tiere, die dem Menschen ausgeliefert sind und die jedes Jahr milliardenfach umgebracht werden. Die PETA-Kampagne mit dem Vergleich zum Holocaust der Juden, noch heute von Tätern geleugnet, ist die letzte Warnung an die Gesellschaft. Wenn diese Aufrüttelung nicht zum Erfolg führt, wird eine al Quaida für die Tiere nicht mehr zu verhindern sein. - Wohlgemerkt: Dies ist nicht Wille der Tierrechtsbewegung, die aus gesetzestreuen, vielfach altruistisch handelnden Personen besteht. Doch immer mehr Menschen können das Tierleid und die extreme Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen, es gibt auch immer mehr Selbstmorde aus dem Gefühl der unbändigen Hilflosigkeit heraus. Eine Entwicklung in dieser Richtun wird aber nicht mehr aufhaltbar sein, sollten keine Ansätze zur Schließung dieser eklatanten Gerechtigkeitslücken erkennbar werden.

"Ich will es deutlich sagen: Rings um uns herrscht ein System der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens, das sich mit allem messen kann, wozu das Dritte Reich fähig war, ja es noch in den Schatten stellt, weil unser System kein Ende kennt, sich selbst regeneriert, unaufhörlich Kaninchen, Ratten, Geflügel, Vieh für das Messer des Schlächters auf die Welt bringt." (Literatur-Nobelpreisträger J.M. Coetze 2003)

Dr. Edmund Haferbeck, geb. 1957 in Detmold, Agrar-Ingenieur, war Umweltdezernent von Schwerin und ist nun Geschäftsführer der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen in der mecklenburg-vorpommerschen Landeshauptstadt. Daneben engagiert er sich im Tier-, Arten- und Umweltschutz sowie gegen Rechtsmißbrauch und Wirtschaftskriminalität.

zurück zur Startseite